Amancay

Amancay – Begegnung auf Augenhöhe e.V.


Amancay - Begegnung auf Augenhöhe e.V.

Begegnung auf Augenhöhe

Wodurch zeichnet sich eine Begegnung auf Augenhöhe aus? Wie begegnet man anderen Menschen auf Augenhöhe?

Täglich begegnen wir vielen anderen Wesen, Individuen oder Kollektiven. Dabei bedeutet „sich begegnen“ interagieren, kommunizieren oder sich austauschen. Das machen wir an einem Tag vielleicht sogar mehr als hundert Mal. Womöglich denken wir gar nicht darüber nach, was das eigentlich bedeutet oder wie wir es machen. Es ist vielmals zur Gewohnheit geworden. Manchmal sind es ärgerliche, manchmal traurige, manchmal fröhlich-glückliche oder manchmal auch witzige Begegnungen, die wir an einem einzigen Tag erleben. Für uns als Verein dürfen Begegnungen das auch sein. Dennoch möchten wir versuchen auf Augenhöhe zu begegnen. Damit ist nicht die Augenhöhe im Sinne der Körpergröße gemeint. Wie schade wäre es doch, wenn Menschen nur Menschen derselben Körpergröße begegnen dürften? Nein, vielmehr geht es um das Wie der Begegnung. Wir möchten achtsam und respektvoll begegnen – denn das bedeutet Begegnung auf Augenhöhe. Achtsamkeit und Respekt in der Begegnung ist ein wertungsfreies Wahrnehmen des Gegenübers, ein Akzeptieren von dem was da ist. Das ist Respekt und Wohlwollen, das ist ein Denken frei von Kategorien, wie schwach oder stark, krank oder gesund, arm oder reich. - Gegenüber allen Wesen, in möglichst allen Interaktionen.

Was bedeutet der Leitsatz für unser Handeln, Fühlen und Denken?

Wenn wir Menschen auf Augenhöhe begegnen wollen, wirkt sich das auf viele Bereiche des Lebens aus. Es kann weitreichende Auswirkungen auf unser Handeln, Fühlen und Denken haben, sich aber auch weniger abstrakt in den Grundsätzen unserer Arbeit bei Amancay niederschlagen. Im Folgenden wollen wir darstellen, wie wir uns Begegnung auf Augenhöhe in verschiedenen Bereichen ganz konkret vorstellen.

  • Begegnung mit Menschen
  • Begegnung im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit
  • Begegnung im Kontext des interkulturellen Austauschs
  • Begegnung im Kontext wirtschaftlicher Zusammenhänge
  • Begegnung mit der Umwelt
  • Begegnung auf Augenhöhe kennt Fehler und Ausnahmen

Begegnung mit Menschen

Die meisten Menschen mit Behinderungen werden auf ihre Behinderungen reduziert. Das bedeutet, dass sie als schwach, krank oder defizitär wahrgenommen werden. Wir möchten jedoch vor allem den Menschen wahrnehmen. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Mensch vielleicht einer Norm widerspricht. Vielmehr ist jeder Mensch wert-voll. Wir wollen durch und während unserer Arbeit dieses Menschenbild vertreten. Die Gefühle und Bedürfnisse der einzelnen Individuen sollen in den Vordergrund treten dürfen – ohne, dass sie Aspekte ihres Individuums unterdrücken müssen oder, dass zwischen menschlichen Merkmalen, wie Gesundheit oder Krankheit, Stärke oder Schwäche, unterschieden wird.

Für uns bedeutet das konkret,

  • Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen
  • Menschen nicht auf ihre vermeintlichen Behinderungen zu reduzieren
  • sich für Rechte von Menschen mit Behinderungen einzusetzen
Begegnung im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit

Entwicklungspolitik diente ursprünglich dazu, die Schäden und negativen Auswirkungen der Kolonialzeit und darin inbegriffener Ausbeutung, Kriegen oder Versklavung zu reparieren. Die meisten Ziele, zum Beispiel eine stärkere Beteiligung der sogenannten Entwicklungsländer an der Weltwirtschaft oder eine Verringerung der Ungleichheit auf der Welt, sind jedoch bis heute deutlich verfehlt worden. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob die betriebene Entwicklungspolitik den laufenden Prozess nicht sogar eher verstärkt hat. So ist zum Beispiel  der Anteil der Länder Afrikas an der Weltwirtschaft mit dem Beginn der Entwicklungshilfe vor den 1950er Jahren von 7,4% auf 2,0% im Jahr 1999 zurückgegangen. Auch wenn dieses Beispiel lediglich einen korrelativen Zusammenhang beschreibt (der Rückgang der Weltwirtschaft ist nicht zwangsläufig auf die Entwicklungspolitik zurückzuführen), so schafft Entwicklungszusammenarbeit heute  in der Tat oftmals eine Dependenz eines Projektes im Entwicklungsland von seinen Geldgebern im Industrieland. In vielen Fällen rentiert es sich für Projekte in Entwicklungsländern sogar, aktiv nach Spendengeldern zu suchen, anstatt zum Beispiel eigene Produkte herzustellen und diese zu verkaufen. Dadurch werden weder Selbständigkeit noch Bildung gestärkt. Menschen werden hilfsbedürftig(er).

Auch unsere Arbeit findet im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit statt, sodass besondere Herausforderungen auftreten. Wir sehen uns deshalb in der Pflicht,

  • die geschaffene Dependenz abzubauen oder zumindest nicht zu vergrößern, d.h. möglichst keine oder wenige Investitionen zu tätigen
  • keine neuen Dependenzen zu schaffen
  • nur solche Investitionen zu tätigen, die die eigenständige Struktur des Projektes stärkt
  • nur solche Investitionen zu tätigen, die langfristige Effekte versprechen.
Begegnung im Kontext des interkulturellen Austauschs

Wir wollen den Familien in Peru und der peruanischen Bevölkerung vor allem im Rahmen eines interkulturellen Austauschs begegnen. Seit der Kolonialzeit haben sich auf der Welt Rassismus, Sexismus und Diskriminierung manifestiert. In der Entwicklungspolitik wird der Zustand einer Gesellschaft oder eines Landes fast immer bewertet. So gelten bestimmte Gesellschaftsformen und Lebensweisen als entwicklungsbedürftig, während andere Lebensformen fortschrittlich genannt werden. Eurozentrismus beschreibt dabei das Phänomen, dass vermehrt westliche Lebensweisen als Norm betrachtet werden, die erstrebenswert gelten. In der Entwicklungszusammenarbeit und im interkulturellen Austausch werden demnach oft nur solche Investitionen getätigt, die andere Lebensformen den westlichen anpassen sollen. Dies zeigt sich in der Bildung, der Infrastruktur oder der Wirtschaft. Außerdem stehen auch nicht selten wirtschaftliche Interessen hinter Investitionen, die als Entwicklungszusammenarbeit getarnt werden, aber der Erschließung von Märkten dienen sollen.

Rassismus stellt für den interkulturellen Austausch womöglich die größte Hürde und Herausforderung dar. Dabei beschreibt Rassismus die strukturelle Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe. Eine rassistische Diskriminierung ist dabei aufgrund der historischen Bedeutung immer als eine Diskriminierung von people of colour (P.o.C.) durch Menschen weißer Hautfarbe definiert, „andersherum“ kann nicht von Rassismus gesprochen werden. Neben dem expliziten, offensichtlichen Rassismus spielt vor allem der implizite Rassismus eine bedeutsame Rolle. Impliziter Rassismus zeigt sich vor allem in den individuell, sehr spontan gezeigten Emotionen und Entscheidungen. In Studien konnte so zum Beispiel gezeigt werden, dass auf P.o.C. in einer vermeintlichen Verteidigungssituation schneller und häufiger geschossen wird, als auf Menschen mit weißer Hautfarbe. Ebenfalls werden Gesichter von P.o.C. implizit eher mit negativen Adjektiven assoziiert, als Gesichter von Menschen mit weißer Hautfarbe. Auch in der Sprache wird der Einzug von Rassismus deutlich, sprechen wir doch in Ländern, wie zum Beispiel Peru, deutlich schneller von Behausungen oder Hütten, während in Deutschland Häuser oder Villen stehen. Die 54 Länder Afrikas werden so zum Beispiel oft verallgemeinert und als „Afrika“ dargestellt, wohingegen zwischen den europäischen Ländern Deutschland, Frankreich oder Italien differenziert wird. Dies zeigt, dass sich Rassismus bereits in unseren Hirnstrukturen implementiert hat. Deshalb ist es umso wichtiger, entsprechend andere Erfahrungen zu sammeln und diesem Prozess entgegenzuwirken.

Aufgrund der tiefgehenden Problematik mag ein korrektes Handeln im interkulturellen Austausch vielleicht gar nicht möglich sein, dennoch möchten wir diesen bei uns zumindest auf Augenhöhe stattfinden lassen. Das bedeutet, dass...

  • wir rassistischen Strukturen entgegenwirken wollen
  • wir keinen direktiven Einfluss auf Zielsetzungen, Entscheidungen, Planung oder Arbeit des Projekts in Peru nehmen, sondern lediglich in einem gegenseitigen Austausch stehen
  • wir uns dafür einsetzen, dass auch Freiwillige aus Deutschland nach Peru, aber auch Freiwillige aus Peru nach Deutschland kommen können
  • wir uns dafür einsetzen, dass sich peruanische Freiwillige an der Entwicklung des Projekts in Peru beteiligen
  • wir uns sprachlich sensibilisieren, um eine möglichst neutrale, niemanden diffamierende Sprache bei uns und in der Gesellschaft zu implementieren
  • wir uns aufgrund der tiefreichenden Problematik bewusst machen müssen, dass auch Handlungen mit eigentlich guter Intention, Rassismus verstärken können. So können Spenden ein Bild von Ungleichheit und unterschiedlichem Wert vermitteln, da eine Spende das Gefühl der Bedürftigkeit der Empfangenden bestätigen kann und zugleich die Größe des Gebenden in der Wahrnehmung verstärkt. Jegliche Handlungen sollten in Anbetracht dieser Problematik geplant und ausgeführt werden.
Begegnung im Kontext wirtschaftlicher Zusammenhänge
Rassismus zeigt sich besonders stark in dem weltweit vorherrschenden Wirtschaftssystem, dem sogenannten „Kapitalismus“. Der Kapitalismus folgt einem Prinzip, nach dem Stärkere, Mächtigere und Reichere sich durchsetzen. Die weltweit gültigen Gesetze führen jedoch nicht dazu, dass alle Menschen in diesem Wettbewerb die gleichen Chancen besäßen. Über Jahrhunderte zeigte sich eine Manifestierung relativen Reichtums und relativer Armut. In einem System, das zum Ziel hat, das einzelne gewinnen (und dementsprechend andere verlieren), können weder Gleichheit noch Gerechtigkeit entstehen. Wirtschaftliche Entscheidungen werden im Rahmen des Wirtschaftssystems des Kapitalismus getroffen. Dadurch werden bestehende Strukturen der Ungleichheit bestätigt und verstärkt. So kann ein Händler in Peru seine Waren nur zu einem aus Sicht deutscher Touristen sehr günstigen Preis anbieten. Dadurch profitiert wiederum der „Stärkere“ des Systems.

Die fortschreitende Globalisierung macht diese Problematik zu einer alltäglich aktuellen. Trotz dieser großen Herausforderungen haben wir es uns zum Ziel gesetzt,kapitalistische Strukturen nicht weiter zu stärken, sondern zu umgehen. Das wiederum bedeutet, dass…

  • wir versuchen möglichst alle durch unsere finanziellen Handlungen Betroffenen fair zu bezahlen
  • wir kein Geld von Gebern annehmen, die die kapitalistischen Strukturen bestimmen und vorgeben.
Begegnung mit der Umwelt

In den letzten Jahren ist Klima- und Umweltschutz zu einem wichtigeren Thema geworden. Die durch den Kapitalismus in einigen Ländern hervorgebrachten Lebensstile sind jedoch nicht mit den Zielen des Umwelt- und Klimaschutz vereinbar. Vielmehr ist klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann und darf. In unserer Arbeit, die sich zwar nicht direkt mit dem Umwelt- und Klimaschutz beschäftigen, möchten wir trotzdem dessen Ziele verfolgen. Deshalb wollen wir unsere Handlungen im Bewusstsein der Thematik ausüben und Standards einhalten, die dem Klima- und Umweltschutz dienen.

Begegnung auf Augenhöhe kennt Fehler und Ausnahmen

Begegnung auf Augenhöhe kennt Fehler und Ausnahmen, denn sonst würde sie nicht auf Augenhöhe stattfinden. Es darf Fehler und Ausnahmen geben. Beim Gegenüber. Bei uns selbst. Bei dir selbst. Das bedeutet konkret, dass wir in besonderen Situationen auch von unseren Leitlinien abweichen können. Wir können dann entsprechende Entscheidungen treffen, obwohl diese vielleicht nach unseren beschriebenen Ideen als rassistisch, diskriminierend oder kontraproduktiv eingeschätzt würden. Viele Entscheidungen müssen in sehr speziellen Umständen getroffen werden und zudem gibt es nicht immer nur die beiden Kategorien „richtig“ oder „falsch“.

Unsere eigenen Fehler zu akzeptieren, ist womöglich der größte Schritt auf unserem Weg.