Amancay

Amancay – Begegnung auf Augenhöhe e.V.


Amancay - Begegnung auf Augenhöhe e.V.

Geschichte

Amancay – Begegnung auf Augenhöhe e.V. ist ein noch junger Verein. Im November 2009 von ehemaligen Freiwilligen gegründet, um das von ihnen in den Randgebieten Limas ins Leben gerufene Projekt „Visitas Especiales“ von Deutschland aus aufrecht zu erhalten, ist ein beachtliches Projekt zur Unterstützung von Familien mit Kindern mit Behinderungen geworden, dass im Süden der Stadt immer größere Kreise schlägt und stetig an Bekanntheit gewinnt.

Nicht zuletzt wurde im Sommer 2012 in Peru der gleichnamige Verein „Amancay“ gegründet. Den Auftakt hierzu gaben die Mütter selbst, welche einst von Freiwilligen in ihren Häusern besucht wurden, sich zusammenschlossen, untereinander austauschten und nun selbst aktiv für eine bessere Zukunft ihrer behinderten Kinder und nicht zuletzt auch ihrer ganzen Familie kämpfen.

Doch wie hat eigentlich alles begonnen?


Martin Bührer berichtet:

Amancay - Begegnung auf Augenhöhe e.V.

„Ein Mal setzte ich mich zu Ana ins Haus und begann, mit ihr zu spielen, zu malen, einfach mich zu beschäftigen mit ihr. Eine Stunde verging und eine weitere noch bis ihre Mutter mit einem sehr überraschten Blick das Haus betrat.“


„Ich begann meinen Dienst in der Behindertenschule Divina Misericordia in Villa El Salvador, Lima. Dort war geplant, den Schulgarten wieder blühen zu lassen und dafür war meine Unterstützung angefordert. Ich allerdings war unerfahren sowohl im Umgang mit Kindern und Lehrern, als auch in Sachen Gartenbau. Das Engagement der Lehrer ließ ebenso zu wünschen übrig und nach nicht allzu langer Zeit waren also nicht die Radieschen sondern vielmehr meine Unzufriedenheit im regen Wachstum begriffen.

Meine Bezugsperson vor Ort und der Betreuer des Projektes war Alois Kennerknecht, Agraringenieur aus Immenstadt im Allgäu mit weltweiter Erfahrung in Entwicklungshilfe und seit mehr als zwanzig Jahren in Peru tätig. Er nahm mich schon mehrere Male mit auf seine Touren durch Lima, wo allerorts die von ihm entwickelten Ecosilos (Kleinkomposte) auftauchten: Zwei Meter tiefe Erdbohrungen, mit einem Durchmesser von 30 cm, zuoberst ein Ring aus Zement und darauf ein Deckel - fertig ist der saubere, platzsparende und für eine Familie ausreichende Kompost, der alle halbe Jahr wunderbaren Dünger bringt. Mit dieser Idee gründete Alois ein Unternehmen und entfernte sich damit auch vom Gedanken der Entwicklungs"hilfe", um den Menschen endlich auf gleicher Augenhöhe begegnen zu können. Das faszinierte mich und ich war Feuer und Flamme für das "Projekt Ecosilo" an meiner Schule. Alois hielt dort einen Vortrag, die Menschen zeigten waches Interesse und auf der Bestellliste fanden sich schließlich dreizehn Namen mit Adressen, verteilt in ganz Villa El Salvador. Meine Aufgabe bestand fortan darin, die Häuser ausfindig zu machen und den Einbau der Ecosilos vorzubereiten. Da es für die dortige Bevölkerung meist etwas Neues ist, den Bioabfall vom Restmüll zu trennen, bedarf es bei Neukunden eine weiter gehende Betreuung.

Ein Mal im Monat machte ich also die Runde, erkundete mittels Bus, Mototaxi und zu Fuß die ganze Stadt, die ich bald besser kannte als meine Heimatstadt Tettnang am Bodensee. Es gehörte auch zu meinen Aufgaben, den monatlichen Geldbeitrag einzusammeln. Dieser wurde sehr gering gehalten, war aber sehr wichtig, um das Bewusstsein und die Wertschätzung für die Ecosilos und alles was damit zusammen hing - Umweltschutz, Sauberkeit der Straßen, Gesundheit der Menschen, Fruchtbarkeit der Erde - wach zu halten. Viele der Teilnehmer empfingen mich herzlich und luden mich zu Inca Cola mit Paneton oder gleich zu einem ganzen Mittagessen, andere waren selten anzutreffen oder es waren nur die Ehemänner zuhause, die die Sache oft misstrauisch beäugten. Auch waren Häuser darunter, wo ich nicht selten nur das Kind antraf, das ich aus der Schule kannte, was sehr verwahrlost wirkte. Bei Ana war dies öfter der Fall, weil ihr Vater im Urwald Bagger fuhr und ihre Mutter bei einer städtischen Beschäftigungsmaßnahme (ABM) zugange war. Ein Mal setzte ich mich zu Ana ins Haus und begann, mit ihr zu spielen, zu malen, einfach mich zu beschäftigen mit ihr. Eine Stunde verging und eine weitere noch bis ihre Mutter mit einem sehr überraschten Blick das Haus betrat. Eines Teils war sie froh darüber, ihre Tochter so freudig vorzufinden, anderen Teils schämte sie sich dafür, sie so zurückgelassen zu haben. Aber das Geld ihres Ehemannes kam nicht regelmäßig und noch weniger zuverlässig, also hatte sie keine andere Wahl als selbst für den Unterhalt ihrer vier Kinder zu sorgen.

Ich dachte lange über diesen Tag nach und erzählte die Geschichte auch Alois. Wir überlegten zusammen, wie dort wenigstens etwas Erleichterung für die Mutter und Betreuung für das Kind zu schaffen sei. Es traf sich, dass bei Alois, der nebenbei als Freiwilligenvermittlungsstelle fungierte, gerade Julia Wäger um eine Stelle angefragt hatte, die vorher in einem Projekt für Straßenkinder tätig war. Wir fragten sie also, ob sie sich vorstellen könne, in eine Art mobile Familienbetreuung einzusteigen, was sie gerne wollte und also kam der Stein ins Rollen. Zu Anfang begleitete mich Julia auf meinen Runden durch Villa El Salvador, ich stellte sie den betreffenden Familien vor. Es wurden Zeiten vereinbart, zu denen Julia in die Häuser kam. Je mehr sie mit der Gegend vertraut wurde, desto mehr konzentrierte ich mich auf mein "Tagesgeschäft", denn die Kundschaft wuchs stetig und wir konnten im Nachbarviertel eine weitere Gruppe von Menschen für die Ecosilos begeistern.

Ich bin sehr froh um diese Erfahrung und alle weiteren, die ich mit den "Familienbesuchen" machen durfte. Ich fand es eine wunderbare Geste den Familien gegenüber, eine wirkliche Unterstützung. Es wurde mir in anderen Momenten auch die Entwicklung von ähnlichen "Hilfsprojekten" verständlich, in dessen Verlauf man erlebt, dass die besagte Augenhöhe nicht mehr gegeben ist und die "Hilfe" dadurch von oben herab erfolgt. Für Julia und mich war es sehr lehrreich, als uns dies ein Mal passierte: Es ergab sich die Möglichkeit mit zwei Kindern zur Sprachtherapie zu gehen. Wir gingen mit den Kindern und ihren Eltern zum Centro de Salud und wollten sie anmelden. Die Kosten für die Therapie wollten die Eltern allerdings nicht übernehmen, weswegen wir kurzerhand sagten: Ja gut, das bisschen Geld können wir auch bezahlen! Auf der Rückfahrt unterhielten wir uns lange über diese spontane "Hilfe" - solange die Gringos mit dem dicken Geldbeutel da sind, wird manches möglich. Was aber, wenn die Hilfe ausgeht? Wenn die Gringos plötzlich Kinder in Indien bemitleidenswerter finden? Die spannendsten Fragen in einem solchen Projekt sind für mich: Wie viel Eigeninitiative überlässt man den Menschen wirklich? und: Wie ernst nimmt man die Menschen und ihre Schwierigkeiten wirklich? So dass selbstlose Hilfe entstehen kann. Nicht die bewunderte Wohltat sollte im Vordergrund stehen, sondern die stille Unterstützung, die die Menschen nachhaltig befähigt.“

Julia Wäger berichtet:

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Aller Anfang muss nicht immer schwer sein, sondern manchmal auch einfach, praktisch und direkt. Zum Beispiel wenn man als Freiwillige auf der Suche nach einer neuen Aufgabe ist, einen Zivildienstleistenden in seinem Alltag in den Randbezirken von Lima begleitet und auf einmal eben diese neue Aufgabe erkennt und für sich entdeckt. So ging es zumindest mir.


„Während ich mich also mit dem bereits erwähnten Volontär durch die mir noch völlig unbekannte Welt der Slums, Hügel und Sandberge Limas bewegte, lernte ich immer mehr Familien und ihre Situation hautnah kennen. Der Zivildienstleistende betreute derweil ein Projekt, dass sich im Bereich des Umweltschutzes ansiedeln lässt. Er installierte und kontrollierte sogenannte „Eco Silos“, Kompoströhren, die dem Müllproblem in Randgebieten Limas entgegen wirken sollen. Da die Eco Silos oftmals im Hinterhof oder gar im Haus der Familien installiert waren, bestand ein sehr enger Kontakt zu ihnen und man bekam einen Einblick in ihren Alltag und ihr Leben. So zeigte sich uns bald aber auch eine ganz andere Problematik, die über das reine Müllproblem hinausging: Wir trafen bei unseren Rundgängen Kinder an, besonders behinderte Kinder, die tagsüber in ihrem Zuhause, den einfachen Wellblechhütten, allein gelassen wurden, die Eltern bei der Arbeit und ihre nichtbehinderten Geschwisterkinder in der Schule. Schnell war uns klar, dass hier gehandelt werden musste. War ich nicht eh auf der Suche nach einer neuen Aufgabe?

Durch die Bekräftigung und Unterstützung der Kunsttherapeutin Michaela Kroschel in der pädagogischen Arbeit, wie auch dem Limakenner und Ingenieur der Eco Silos Alois Kennerknecht entstand hier von einem Tag auf den anderen unser Projekt – das Projekt der Familienbesuche.

Seit diesen ersten Besuchen im Jahr 2007 hat sich nun einiges entwickelt und auch verändert. So gab es trotz noch fehlendem institutionellem Rahmen immer wieder Freiwillige, die unsere Arbeit vor Ort fortsetzten, neue Familien, die sich uns anschlossen, und natürlich auch neue Ideen und Projekte. Dennoch erschien, was in Peru so klar und deutlich war, nämlich unsere Arbeit mit den Familien, hier zuhause in Deutschland oftmals schwammig und unübersichtlich. Eine Kunsttherapeutin, Freiwillige, behinderte Kinder? Wie hing das alles zusammen?

Auch finanziell beschränkte sich das Projekt bis dato auf einmalige Spenden durch den einen oder anderen Freiwilligen und uns war klar – wir müssen diese fruchtbare, wichtige Arbeit in einen gewissen Rahmen packen. So gab der Sommer 2009 besonders initiiert durch zwei sehr aktive Freiwillige den Auftakt zur Vereinsgründung, die sich im darauffolgenden November vollzog.“